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„Hitze, Honka, HSV“ – Heinz Strunk zu Gast in Mainz

Vergangenen Sonntag, am 23. Oktober, strandete Heinz Strunk auf seiner Lesetour durch Deutschland in Mainz, und weil Fleisch auch mein Gemüse ist, war dies ein absoluter Pflichttermin. Im Capitol bin ich öfter, aber außer bei dem neuesten Tarantino oder vielleicht noch beim Science Slam habe ich das Kino noch nie so voll gesehen. Ausverkauftes Haus.

Der goldene Handschuh

Auf der Bühne stehen nur ein Tisch mit schwarzem Überwurf und ein Mikrofon, mehr braucht man für eine Lesung ja auch nicht. Die Leinwand wird passenderweise von dem Bild eines goldenen Handschuhs erleuchtet, das nennt man vielsagend. Nachdem sich jeder mit einem Erfrischungsgetränk und den neuesten Stickern von Die Partei eingedeckt hat, verstummt so langsam das Gesumm im Saal. Dann kommt er, Bestsellerautor Heinz Strunk, und läuft den langen Gang vom Einlass bis zur Tür. Erst auf der letzten Etappe fällt den Leuten ein zu klatschen und er springt beschwingt die Stufen hoch zu seinem Arbeitsplatz für die nächsten zwei Stunden. Man freut sich, ihn zu sehen und kurz hält er inne, lässt sich feiern. Er schaut genauso aus, wie auf dem Autorenporträt in der Buchklappe: graues, kurzes Haar, silberne Brille und denselben ironisch wissenden Blick in den Augen. Ohne große Umschweife beginnt er sein Programm und erzählt, wie er auf die Geschichte gekommen ist. Endlose Stunden habe er, zu Recherchezwecken versteht sich, im Goldenen Handschuh verbracht und sich das Klientel angesehen, einen Dialog oder Witz mit nach Hause genommen und die Stimmung aufgesogen. Außerdem hat das Hamburger Staatsarchiv ihm Einblick in die Prozess Akten der Causa Honka gewährt, was dem Roman sehr zugute kommt. Auch die einschlägige Berichterstattung habe er unter die Lupe genommen, inklusive der fundierten Abhandlungen der BILD-Zeitung, die titelte: „Hitze, Honka, HSV“.

Vollblutvorleser

Dann beginnt Strunk zu lesen, er ist in seinem Element. Den Text hat er auf losem Papier ausgedruckt und blättert Seite um Seite, was das Zeug hält. Von Unsicherheit keine Spur, der Mann hat seinen Text gelernt. Ohne Atem zu holen rauscht er durch die ersten 45 Minuten der Lesung und gibt fast die gesamte Exposition des Romans zum Besten. Trotz des hohen Tempos kommt man sehr gut mit und ich habe nochmal eine ganz neue Einsicht in den Text bekommen. Plötzlich habe ich laut gelacht, geschmunzelt und die Stirn gerunzelt ob der fantastischen Vortragsweise Strunks. Beim Lesen sind mir viele der absurd-ironischen Formulierungen gar nicht aufgefallen, doch nun springen sie mir direkt ins Zwerchfell. Die Halbzeitpause habe ich bitter nötig, mein Kopf muss sich ausruhen und wieder in die Wirklichkeit zurück. Gott, ist das witzig.

Nach guten 20 Minuten kommt Heinz Strunk wieder hereingelaufen, in den Händen eine Schiffermütze und eine Querflöte. Zu Beginn hatte er eine große Show angekündigt, da war sie nun also. Der zweite Teil beginnt mit dem Monolog eines Kutterfahrers und hier merkt man das eigentliche Talent des Hamburgers. Er setzt die Mütze auf und schnackt los. Ich verstehe nicht mal die Hälfte, aber das ist auch nicht wichtig, weil allein die Art, wie er den Text durch die Dialektmühle quetscht, sein Geld wert ist. Danach gibt es wieder eine kleine Entspannungsphase mit ruhigeren Passagen und dann kommt der Einsatz der Querflöte. Er bespielt das Blasinstrument schöner als Stefan Mross und Till Brönner (in ihrer Disziplin) und gibt sich ganz der Melodie hin. Schwingt und klingt mit ihr. Dann legt er die Flöte beiseite, steht auf und verbeugt sich nach rechts und links. Der Schlussakkord einer fantastischen Lesung.

Zum Schluss hole ich mir noch eine Unterschrift in meinem eigenen Exemplar von „Der goldene Handschuh“ ab. Ungelenk kritzelt Strunk seinen Namen auf die erste Seite, auf einem Finger prangt ein eintätowierter Anker. Was bin ich nur für eine Landratte.

Meine Rezi zu „Der goldene Handschuh“ findet ihr hier, weitere Lesungstermine von Heinz Strunk gibt’s hier.

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