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Belifön

Die Toten Hosen zur Gänze, kurz für zwei Songs bei Seeed vorbeigeschaut und dann noch schnell zur Zugabe von Florence + the Machine – so sieht der Alltag bei einem Musikfestival aus. Bei einem Lesefestival ist das nicht anders, wie ich gemerkt habe. Im Akkord gibt es dort auf verschiedenen Bühnen Lesungen, dazwischen Häppchen und Small Talk, dann weiter zur nächsten Veranstaltung zwei Straßen um die Ecke. Das Open Books – Lesefest zur Frankfurter Buchmesse mag zwar vom Zeitplan so stressig sein wie ein Musikfestival, aber wenigstens muss man bei den einzelnen Gigs nicht mithüpfen.

Büro für überflüssige Worte

Die erste Station auf meinem Besuch ist das Büro für überflüssige Worte im Frankfurter Kunstverein. Gibt es ein überstrapaziertes Wort in Ihrem Schatz? Benutzen Sie einen Ausdruck viel zu oft? Geben Sie es ab, hier im Büro. Sie bekommen dafür gratis ein Neues. Ich finde die Idee eigentlich ganz witzig und grübele auf der gesamten Hinfahrt, welches Wort ich denn gerne eintauschen möchte. Schimpfwörter sind doch manchmal nützlich, Füllwörter zu langweilig. Man weiß ja nie, wann man es noch einmal gebrauchen kann. Ich entscheide mich schließlich für „eigentlich“, weil danach ja meistens ein „aber“ kommt und man es schließlich doch nicht tut. Ich setze mich ins Büro, ein freundlicher Mitarbeiter begrüßt mich und händigt mir eine Karte aus. „Tragen Sie hier Ihr Wort ein, Datum und Unterschrift nicht vergessen“, sagt er bürokratisch. Ich tue wie geheißen. Dann gibt er mir einen großen Stempel. „Drauf damit“, fordert er mich auf. Mit einem Schwung drücke ich Überflüssig auf mein Wort und bekomme prompt eine neue Karte. „Das ist Ihr Ersatzwort, das können Sie nun stattdessen verwenden“. Belifön. Na gut, wenn das Büro das so sagt, dann muss ich das fortan auch so benutzen.

Der freundliche Mitarbeiter, der belifön Dirk Hülstrunk heißt, hat dieses poetisch-bürokratische Projekt ins Leben gerufen. „Ich bin selbst Autor und weiß, wie gerne man seinen Text mit unnötigen Wörtern belädt“, sagt er. „Eigentlich ist übrigens auch unser Top-Wort“. Und tatsächlich, erst jetzt sehe ich auf der Wand hinter ihm die Abgaben der anderen Leute. Tja, lecker oder Gentrifizierung stehen da. Auch viele englische Begriffe wie Sale oder Kids. Und eben ganz viel „eigentlich“. Scheinbar geht es nicht nur mir so. Aber damit ist es ja belifön jetzt vorbei.

Slow Reading Room

Meine zweite Station ist der Slow Reading Room zwei Stockwerke über dem Büro der überflüssigen Worte. Draußen gibt es eine Anleitung zum langsamen Lesen. Aber braucht man das überhaupt? Über so etwas habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Zumindest das Handy schalte ich schon mal auf stumm und gehe dann in einen kleinen Raum voller kuscheliger Sitzmöbel, Stehlampen aus Omas Fundus und einem kleinen Bücherregal. Zwei Frauen und ein junger Mann sitzen darin und scheinen in ihr Buch vertieft zu sein. Ich traue mich vor lauter Knistern beinahe nicht, meine Jacke auszuziehen und stelle umständlichdsc_0080 Tasche und Fotoapparat auf die Chaiselonge neben mich. Kurz atme ich durch. Belifön ist mir das fast zu ruhig. Noch bevor ich mein eigenes Buch aus der Tasche ziehen kann (der Reißverschluss macht einen Heidenlärm), klingelt das Telefon der einen Dame. Sie lässt ein paar Mal läuten und geht dann ran. Telefoniert. Laut. Im Slow Reading Room. Die andere Dame schnaubt genervt und fordert lauthals: „So gehen Sie doch raus, wenn Sie schon telefonieren müssen!“. Ich beobachte und stecke die Nase schnell zwischen die Seiten. Ich bin mir nicht ganz sicher, vielleicht sind das auch Schauspieler, die das jedes Mal machen, wenn jemand Neues reinkommt. Die Intonation war auf jeden Fall perfekt und wir sind schließlich im Kunstverein. Vielleicht eine von diesen Live-Performances? Ich denke mir nichts weiter dabei, traue mich kaum zu atmen und lese ein Kapitel in meinem Buch. Irgendwie ist mir sogar das Blättern unangenehm. Dann gehe ich wieder. Der Slow Reading Room ist eine sehr schöne Idee, dem Lärm des Alltags in ein gutes Buch zu entfliehen und sich ganz auf das Gelesene einzulassen. Aber ich für meinen Teil finde dann doch mehr Ruhe in einem lauschigen Café oder der Bahn, wenn ich alle Geräusche im Hintergrund versummen lassen kann.

Lesung ohne Worte

Die letzte Station für diesen Tag ist eine Lesung in der Heussenstamm-Galerie. Im Hinausgehen habe ich einen Flyer mitgenommen und dachte, dass das vielleicht ganz interessant werden könnte. Zum ersten Mal gibt es beim Open Books-Lesefest nämlich einen Comicschwerpunkt. Und wie so eine Lesung nur mit Bildern aussieht, wollte ich mir dann schon selbst anschauen. Die kleine Galerie war gut besucht, so eine Nische zieht dann doch meist irgendwie. Ein Hauch von Kunst liegt in der Luft, als Brecht Vandenbroucke sein neues Buch vorstellt. Der Belgier ist Teil der Gastländer Flandern und Niederlande. „White Cube“ heißt nun sein Werk und beinhaltet beinahe nur Comics, die ohne Worte auskommen. Protagonisten sind zwei pinke Männchen, die sich mit Kunst und Kreativität beschäftigen. Auf Leinwand werden die verschiedenen Seiten projiziert und Brecht sagt ein paar Worte dazu. „Eigentlich habe ich Illustration studiert und bin dann zu den Comics gekommen“, sagt er. Und in der Tat schwimmen seine Bilder meist zwischen narrativen Comics und künstlerischen Illustrationen. Das Schlussbild seines Buches zeigt auch einen der Pinken, wie er sich zwischen den Türen „Art“ und „Comics“ entscheiden muss. Stattdessen geht er einfach mit dem Kopf durch die Wand in der Mitte. Die Lesung ist entspannt, ein Moderator stellt einige Zwischenfragen zu seiner Arbeitsweise und Inspiration und lockert so den Vortrag ein wenig auf. Manchmal zeigt Brecht auch einige Seiten aus seinem Buch, ein anderes Mal wählt er eine neue PDF aus. Egal ob mit Text oder nur mit Bildern, für eine gute Lesung braucht man keine Buchstaben.

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Das Open Books-Lesefest ist morgen noch einmal an vielen Locations rund um den Römer geöffnet. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos gibt es unter www.openbooks-frankfurt.de.

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