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Blätterrascheln mit Miriam Spies

Die Mainzerin Miriam Spies ist Autorin, Herausgeberin, Veranstalterin und Verlegerin im gONZo Verlag. Ihr neuster Streich ist „Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung“. Auf diesem Album liest sie Gedichte von Lili Grün und Lessie Sachs und ließ jedes Stück von einer anderen Musikerin oder einem anderen Musiker vertonen. Herausgekommen ist formal eine kleine schwarze Dose mit einem USB-Stick darin, inhaltlich ein großartiges Album mit Schwingungen der 1920er-Jahre. Hier könnt ihr das Live-Interview nachlesen:

 

Letterwald: Hallo Miriam! Du bist irgendwie… du bist um 90 Grad gedreht. (lacht)
Miriam Spies: Du auch, warte. Also im Zweifelsfall… drehen wir das Handy. So. (Bild wird gerade)

Schön, dass du die Zeit gefunden hast! „Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung“, dazu kommen wir gleich. Aber zuerst einmal: Du bist Verlegerin, Autorin, Veranstalterin und vieles mehr. Das sind ja alles Zweige eines wunderbar großen literarischen Baums. Welchem Zweig ist das Jahr 2020, das ja nun sehr „speziell“ ist, am schwersten gefallen?
(überlegt) Ich glaube, dem Verlagsszweig, darum habe ich das Verlegen auch ein bisschen hintenan gestellt dieses Jahr. Als Autorin hat mir auch total gefehlt, unterwegs zu sein, das Publikum zu sehen, ein Feedback zu bekommen und einfach live irgendwo zu sein. Man schreibt ja immer so vor sich hin und ist im Dialog mit seinem Text und irgendwann kommt der Moment, an dem man damit rausgeht und das Publikum miteinbezieht. Das hat total gefehlt.

In dem Begleitheft zu „Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung“ hast du ganz wunderbar beschrieben, dass Corona lang geplante Sachen plötzlich vom Tisch gefegt hat und auf einmal eine große leere Fläche da war. Wie kam es denn, dass auf einmal diese Dose auf dem Tisch gelandet ist?
In der Tat war das anfangs ein ganz analoges Projekt. Ich wurde gefragt, ob ich nicht einen Abend zu 100 Jahren 1920 gestalten möchte, mit Texten aus den 20ern und musikalischer Begleitung. Und ich dachte, ja klar, super gerne! Dann kam aber dieser März und eigentlich fand ich das Projekt total schön habe die Texte einfach selbst eingelesen. Das war dann auch eine schöne Chance, nicht nur mit einem Musiker die Bühne zu teilen, sondern, dass ich ganz viele Musiker anfragen konnte, ob sie nicht Lust hätten, einen dieser Texte umzusetzen. Das Ganze ist dann natürlich Zuhause am Schreibtisch entstanden und manchmal hört man es ganz leise im Hintergrund bellen oder die Glocken läuten (lacht).

Bevor wir weiter über die Entstehung sprechen, würde ich gerne mehr über den Kontext wissen. Wie bist du eigentlich auf Lili Grün und Lessie Sachs gekommen?
Nachdem ich die Anfrage bekam, habe ich erst mal mein Bücherregal durchwühlt. Dabei habe ich gemerkt, dass ich irre viele Herren aus den 20ern habe. Am nächsten hätte mir da jetzt Tucholsky gelegen, aber warum denn immer die Herren der Runde? Dann habe ich geschaut, welche Damen ich im Regal habe und bin auf Lili Grün gestoßen, erschienen im AvivA Verlag. Bei der Hotlist [die besten Bücher aus unabhängigen Verlagen], einer meiner liebsten Buchmesse-Veranstaltungen, hab ich sie entdeckt und dann gleich wieder aus dem Schrank gezogen. Ebenfalls bei Britta Jürgs im AvivA Verlag erschienen ist Lessie Sachs und als ich die Texte gelesen habe, dachte ich gleich, ich muss gar nicht weitersuchen, die sind super!

Welche Schwerpunkte hast du bei der Auswahl der Gedichte gesetzt?
Tatsächlich war die Reihenfolge ganz schön kompliziert. Da habe ich lange überlegt, geschraubt und dann versucht, einen Spannungsbogen reinzubekommen. Thematisch habe ich die Texte erst mal nach reinem Gefallen ausgesucht und dann aber auch geschaut, dass ich möglichst viele Themenbereiche abdecke. Ich wollte kein reines ‚Frauen schreiben Gedichte über Männer‘-Album, auch nicht nur politische Texte oder nur über die Arbeitswelt. Ziel war es, einmal die ganze Bandbreite zu zeigen.

Lili Grün und Lessie Sachs haben in ihrer Biografie einige Parallelen: Sie sind beide jüdischer Herkunft, starben beide 1942 – die eine ermordet im Vernichtungslager, die andere nach langer Krankheit. Warum ist es so wichtig, dass gerade solche Autorinnen nicht in Vergessenheit geraten beziehungsweise wiederentdeckt werden?
Die 1920er waren eine unglaubliche Findungsphase zwischen zwei Zeiten. Der Erste Weltkrieg war gerade vorbei und dadurch sind viele gesellschaftliche Lücken entstanden, nicht zuletzt, weil einfach wahnsinnig viele Männer gefallen sind und dann auf einmal Leerstellen da waren, auf dem Arbeitsmarkt, aber eben auch in der Kunst, in die Frauen vordringen konnten. Ganz viele Kunstrichtungen sind in den 20ern entstanden, in kaum einer anderen Epoche ist so viel passiert, gerade weil man zwischen diesen zwei Kriegen war und für einen ganz kurzen Moment alles durfte und alles möglich war, bevor sich dann die Neuorientierung leider in die Richtung bewegt hat, die wir alle kennen. Allein diese Rahmenbedingungen machen es so lohnend, sich diese beiden tollen Autorinnen näher anzuschauen.

Findest du, dass man zwischen 1920 und 2020 Parallelen ziehen kann?
Manchmal ist es erschreckend. Ich habe natürlich viel über die 1920er im Vorfeld gelesen, die gesellschaftliche Stimmung recherchiert und manchmal gab es Artikel, bei denen ich dachte: ‚Huch, von welchen 20ern reden wir denn jetzt gerade?‘ Heute kann man das im Rückblick natürlich gut beurteilen und meint, das hätte man doch alles voraussehen müssen. Dann fragt man sich heute schon, was in 100 Jahren über uns gesagt wird. Natürlich ist man historisch gesehen immer sein eigener blinder Fleck, aber es sind trotzdem spannende Parallelen.

Genau deshalb ist es ja so wichtig, dass wir noch lauter sind und einen starken Gegenpol bilden, damit sich diese Geschichte auf keinen Fall wiederholt. Nun wieder etwas weg von der Politik und hin zur Literatur. Lili Grün und Lessie Sachs sind ja auch literarisch Kinder der 20er und man spürt förmlich die Zerrissenheit. Auf der einen Seite die Neue Sachlichkeit mit den Alltagsbeschreibungen: die Stenotypistin, die Verkäuferin, der Pudel auf der Straße. Und auf der anderen Seite diese Melancholie, Lakonie und Emotionsfülle. In ihrem Gedicht „Ich habe Sehnsucht“ schreibt Lessie Sachs ja auch in der letzten Zeile „Ich will die Sachlichkeit gern strafverschicken“, weil gerade aus den gefühlvollen Augenblicken Inspiration entsteht.
Das finde ich auch super bezeichnend. Und ich finde es sehr schade, dass heute gerade weibliche Autorinnen oftmals vergessen werden. Während damals im Feuilleton Ringelnatz und Lessie Sachs nebeneinander gedruckt wurden, kennt Ringelnatz heute jeder. Die Sachs aber ist nahezu unbekannt.

Nun bist du selbst Lyrikerin und da stellt sich natürlich die Frage, wie schwierig es war, sich in „fremde“ Gedichte einzuarbeiten?
Schwierig, auf jeden Fall. Ich habe immer versucht, mich hineinzuversetzen in diese Stimmungen, in diese Zeit, in diese Texte. Oft habe ich auch ganz unterschiedliche Interpretationen gemacht. Dann gab es vier oder fünf verschiedene Aufnahmen, die immer anders waren, mit anderen Schwerpunkten und Akzenten.

Wie lief denn die Arbeit mit den Musikern?
Hin und her, also ich hab die Aufnahmen den Musikern geschickt, die Musiker haben das wieder zurückgeschickt und so weiter. Es war ein bisschen wie das Spiel mit dem Zettel: Jeder schreibt einen Satz, man knickt um, der nächste Satz kommt drunter, dann gibt man weiter. Dadurch, dass ich mit den Musikern auch nicht in einem direkten Austausch stand, war es auch ganz spannend, dass ich die Stimmung der Texte teilweise völlig anders interpretiert habe als die Musiker. Da gibt es Texte, die finde ich aufwühlend, die finde ich wütend und mutig. Manchmal haben die Musiker dann gesagt, ‚Moment mal, aber das ist doch ein total frustrierter, desillusionierter Text‘. Und dann haben wir versucht herauszufinden, wer wie diesen Text sieht und so ist das Projekt entstanden.

Zwar hast du den Musikern immer ein paar Schlagworte an die Hand gegeben, aber in der Umsetzung waren sie vollkommen frei.
Ja, das war schon spannend. Doch als die ersten Stücke dann zurückkamen, hatte ich gleich den Gedanken, ‚Wow, das ist viel toller als ich dachte!‘. Ganz oft wurde auch Komponenten reingebracht, die ich so gar nicht im Kopf hatte. Bei den allerallermeisten war ich total begeistert, an einigen haben wir nochmal geschraubt und zwei meiner Lieblingsstücke habe ich einfach, ohne etwas zu ändern, so gelassen.

Darf man die verraten?
Hmm (lacht).

No pressure. Dann ist das vielleicht die Aufgabe des Hörers zu überlegen, welches die Lieblingsstücke gewesen sein könnten (lacht). Ich habe auch einige Lieblingsstücke und war vom ersten Ton an sehr begeistert und beeindruckt. Trotz der Amplituden der verschiedenen Stile – ich meine, Jazz gehört zu haben, melancholische Gitarrenklänge, E-Gitarren oder auch stroboskopartige Technobeats – ist das vereinende Moment doch die Lyrik.
Ich dachte auch nicht, dass sich am Ende alles so gut zusammenfügt. Trotz der verschiedenen Stellschrauben und Handschriften der Musiker finde ich, dass es ganz hervorragend funktioniert. Und, ja okay, jetzt verrate ich doch meine zwei Favoriten: Sibylle Boeckh mit „Vielleicht“, gleich das erste Stück, das finde ich so wunderbar, weil sie diesen flüchtigen Moment so unglaublich gut einfängt. Und der ganz, ganz, ganz großartige Christov Rolla, der die „Uralte Liebesmelodie“ umgesetzt hat. Boah… Ich hab’s gehört und dachte ‚Um Himmels Willen, ist das schön‘.

Das Stück fand ich auch großartig! Wenn ich mir jetzt das Format noch anschaue: Man öffnet diese schöne Dose und es kommt ein USB-Stick zum Vorschein, mit einem kleinen Schlüssel daran. Warum hast du dich dafür entschieden?

© Miriam Spies

Das war ein sehr langes Hin und Her. Am Anfang habe ich noch geschwankt zwischen Streaming oder einer CD. Nun haben die Musiker vom Streamen aber sehr wenig und gerade in der Zeit, in der wir alle ohne Auftritte sind, müssen wir das Ding nicht auch noch kostenlos in die Welt schleudern. Nun haben die meisten Menschen, aber auch keinen CD-Player mehr. Dann hab ich das halt auf einen Stick gezogen. Die GEMA wollte dann auf einmal wissen, wer das Presswerk ist und ich habe dann immer nur die Schultern gezuckt und gemeint ‚Niemand, ich mach das an meinem Schreibtisch am Rechner‘ (lacht).

Der Lockdown steht nun vor der Tür, Weihnachten steht vor der Tür. Bevor man sich also Taylor Swift oder Helene Fischer unter den Baum legt, würde ich ganz stark zu „Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung“ raten – es hat mich schwer begeistert. Wo bekommt man dieses schöne Döschen nun am besten her?
Man bekommt es in meinem Webshop www.gonzoverlag-shop.de. Angeblich bekommt man das auch bei Amazon, aber die haben gar keine vorrätig und wenn man da bestellt, passiert so ziemlich nix. Also da nicht. Falls die Buchhandlungen Bestelldienste anbieten, dann kann man da aber auch noch zuschlagen. Das ist ja auch sowieso viel toller. Unterstützt die Buchhandlungen! Lest mehr, hört mehr!

Und das ist fast schon ein fantastisches Schlusswort! Jetzt habe ich nur noch eine Frage an dich: „Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung“ ist der Titel – bist du schon einmal in einer fremden Wohnung aufgewacht?
Die Frage ist, wie fremd (lacht)?

 

Vielen Dank an die wunderbare Miriam Spies für das schöne Interview und das Rezensionsexemplar von „Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung“.

Interview und Transkript: Sarah Beicht
Titelbild: Nora Scheffel

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