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[Tipp] „In der Nachbarschaft“ von Benedikt Maria Kramer

Ich bin ein Mensch. Wenn es draußen warm ist, schwitze ich, und wenn es kalt ist, friere ich. Deshalb wohne ich in einem Haus. Und dieses steht, auch wenn ich misanthropisch bin und mir das vielleicht nicht gefällt, in einer Straße, in der vielleicht ganz viele andere misanthropische Menschen leben und meine Anwesenheit ebenso ablehnen wie ich ihre. Die nennt man dann Nachbarn. Aber genug von meinen verqueren Vorstellungen von Nachbarschaft.

Wenn viele Menschen auf engem Raum, wie eben einer Straße oder gar einem Mehrparteienhaus, zusammenkommen, dann wird es nie langweilig. Den ganzen Tag hört man irgendwelche kuriosen Geräusche und man fragt sich, wer das nun genau ist, der da sonntagnachmittags immer auf dem Balkon den Staubsauger laufen lässt. Um solche Fragen und Begegnungen geht es in Benedikt Maria Kramers „In der Nachbarschaft“, aus der Reihe der Verstreuten Gedichte. Gleich zu Beginn wird mit „Gut“ die Stimmung für den ganzen Gedichtband gesetzt. „Uns geht es gut/in den Städten und auf dem Land.“ lauten da die ersten beiden Verse, nur um das Gedicht mit “ Nachts im Bett denken/wir an Menschen, die wir lieben./Wir schlafen ein./Wir schlafen gut.“ zu schließen. Hier geht es zunächst um das Leben in einem solchen Haus, um Alltäglichkeit, vielleicht auch um die Einsamkeit, umringt von anderen Menschen, denen es doch genauso geht. Doch im Grunde geht es uns ja gut, es gibt keinen Anlass zu klagen, uns geht es gut, und „Wenn sie uns fragen,/sagen wir es laut“. Aber natürlich ist man nicht alleine, zu unseren Nachbarn gehören „Heini“, „Alibi“, „Kai“ oder „Hugo“, die alle vor sich hin brödeln und deren Geschichte Raum in je einem eigenen Gedicht findet. Der eine überlegt, sich von einer Brücke zu stürzen, der zweite spielt gerne mit Worten und von „Heini“, weiß man gar nicht, ob er überhaupt noch dort wohnt, in seiner wasserschädigen Wohnung.

Jedes Gedicht schenkt diesen illustren, nachbarlichen Prototypen Aufmerksamkeit, Detailgetreue und Anerkennung. Es sind diese Figuren, denen wir im Treppenhaus begegnen und uns fragen, was eigentlich hinter ihren Wohnungstüren geschieht. Mit „In der Nachbarschaft“ trennen wir uns nicht mehr mit einem gelangweilten Nicken im Hausflur, sondern tauchen ein in diese Leben von Menschen, mit denen wir ein Viertel, eine Straße, ein Dach teilen und entdecken, dass wir vielleicht doch gar nicht so anders sind, als die Menschen, denen wir im Treppenhaus begegnen. Ein wunderbarer Gedichtband über das tägliche Leben Tür an Tür mit …


„In der Nachbarschaft“ (Verstreute Gedichte XII)
Benedikt Maria Kramer
gONZo Verlag
5 Euro

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