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FILMZ – Drehbuch-Pitch

Die 15. Ausgabe von FILMZ – Festival des deutschen Kinos ist wieder einmal zu Ende und hinter mir liegt eine spannende Woche voller Kino, Kolibri und Krakauer vom Weihnachtsmarkt. Ihr fragt euch jetzt natürlich, was FILMZ auf einem Literaturblog zu suchen hat. Dabei gab es nicht nur cineastische Highlights, eine Veranstaltung war besonders für Schreiber und Leser interessant. Beim traditionellen Drehbuch-Pitching geht es um den Stoff vor dem Film, um Ideen, Treatments und Manuskripte. Vier Auserwählte haben sich am gestrigen Sonntag der Jury gestellt und ihre Projekte präsentiert.

Das Lomo ist gerappelt voll, im hinteren Bereich gibt es nur noch Stehplätze für die Schaulustigen. Die reizenden Moderatorinnen führen durch die Veranstaltung und erklären kurz die Regeln: Jeder der Pitcher hat zehn Minuten Zeit, dem Publikum seine Drehbuchidee vorzustellen, dann ertönt ein Glöckchen. Anschließend gibt es die Gelegenheit Fragen zu stellen und die Jury bildet mit ihrer Einschätzung das Schlusslicht. Das Kompetenzteam besteht in diesem Jahr aus Eva Klöcker (ZDF – Das kleine Fernsehspiel), Claudia Mehlinger (Dozentin der Filmwissenschaft Mainz), Laura Mücke (Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Filmwissenschaft Mainz) sowie Tidi von Tiedemann (Filmproduzent Kontrastfilm).

Die Losfee entscheidet und den Anfang macht Karl Hemeyer mit seinem Drehbuch „Tassen der Erinnerung“. „Da muss der alte Sack als Erster ran“, sagt der 66-jährige ironisch und setzt sich unter Gelächter auf den Pitching-Stuhl. Die folgenden zehn Minuten liest er seinen Text vor, eine Zusammenfassung seines 284-Seiten starken Drehbuchs. Es geht um bemalte Tassen, die wie Tagebücher funktionieren. Die Erzählerin Nadja ist eine Zeitzeugin des Zweiten Weltkrieges und erzählt anhand des Porzellans die Lebensgeschichten unzähliger Leute. Von Berlin über Russland, bis hin nach Amerika führt die Geschichte und die zehn Minuten langen Hemeyer kaum aus, alle Informationen in den Pitch zu packen. Auch die Jury merkt die „Materialfülle der Familiensaga“ an und erbittet eine knappe Zusammenfassung der Kerngeschichte. Dem Autor, dem die Figuren und Handlungsstränge schon bis ins Blut übergegangen zu sein scheinen, fällt das sichtlich schwer und er antwortet schlicht: „Never give up“.

© Wei Huang
© Wei Huang

Das zweite Treatment ist von Julian Weinert und dreht sich um „Mina Ahadi“. Der einzige Dokumentarstoff im Pitch beschäftigt sich mit der Titelgebenden Ahadi, eine in Deutschland lebende Menschenrechtsaktivistin mit iranischen Wurzeln. Sie ist unter anderem Gründungsmitglied und Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime und wird von Weinert selbst als „kontroverse Figur“ bezeichnet. Der Autor befindet sich in den letzten Zügen seines Dokumentarfilmstudiums an der Fachhochschule Mainz und widmet sich diesem Stoff für seinen ersten abendfüllenden Langfilm. Er kennt Ahadi persönlich seit seinem Studium in Trier und scheint ein freundschaftliches Verhältnis mit ihr zu führen. Trotzdem möchte er eine kritische Distanz bewahren und klar Haltung beziehen. „Es soll eine Doku über die iranische Revolution, verknüpft mit der Lebensgeschichte Mina Ahadis sein“, sagt er. Die Jury lobt das spannende Thema und das große Potenzial der Figur, sucht aber nach einem roten Faden in der Dramaturgie.

Nach einem kurzen Intermezzo der Improgruppe „BühnenNinjas“ (verliebte Roboter und umstürzende Kühe), macht Justus Holzenkapp weiter und pitcht „Deutsche Nächte“. Der Literaturwissenschaftsstudent aus Mainz hat auf die FILMZ-Ausschreibung hin das erste Mal einen Text losgeschickt und sagt über seine Teilnahme: „Ich komm immer noch nicht drauf klar, hier zu sein“. Sympathisch stellt er seine Idee vor, vom Kokskaufen in Hamburg, geht es für drei Freunde durch Straßenbahnen, Barkämpfe und Partys mit geiler Mucke und viel Strobo. Am Schluss zertrampelt einer von ihnen noch eine Blume. Die Jury gibt konstruktive Kritik, lobt die Authentizität der Sprache, zeigt aber noch einige Probleme in der Ausgestaltung auf. Die Figuren ähneln sich zu sehr, das Thema sei schon oft beackert und vor allem an der filmischen Ideenschmiede müsse man noch arbeiten. Claudia Mehlinger empfiehlt darüber hinaus das Kurzfilmformat, für das sich so eine Partynacht sehr gut eignen würde.

Den Abschuss des Drehbuch-Pitchs macht „Die Hölle in meinem Kopf“ von Chepo Yuvanc. Der Stoff ist spannend, bewegend und hoffnungsvoll zugleich. Es geht um ein Dorf in Syrien, das vom Islamischen Staat überfallen wird. Azad befreit sich unter schlimmsten Bedingungen aus der Hölle in seinem Dorf und flüchtet nach Deutschland, wo er stark traumatisiert ankommt. Dort versucht er, sich zurechtzufinden, sucht nach seiner Mutter und seinen Schwestern, versucht zu überleben mit der Hölle in seinem Kopf. Yuvanc ist freier Schriftsteller und Drehbuchautor, hat in seiner Heimat unter anderem Psychologie studiert und lässt all seine Erlebnisse in diese Geschichte einfließen. „Das Wesentliche an diesem Film ist Trauma“, sagt er und die Jury ist von diesem Konzept begeistert. Der psychologische Zugang sei etwas ganz Besonderes und unglaublich wichtig für das Gelingen des Films. Es ist nur schade, dass Yuvanc als Letztes an die Reihe kam, denn das Publikum stellte wenige Fragen und auch meine Konzentration lies nach über zwei Stunden allmählich nach.

Die Preisverleihung am Abend im Capitol war nur noch Formsache. Der Publikumspreis ging an Julian Weinert mit „Mina Ahadi“ und er bekam einen Gutschein der Drehbuch-Software-Firma DramaQueen. Die Jury prämierte in diesem Jahr „Die Hölle in meinem Kopf“ von Chepo Yuvanc und er durfte sich ebenfalls über eine Software-Lizenz und eine Trophäe von Kontrastfilm freuen.

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Das FILMZ-Drehbuch-Pitching in diesem Jahr war wieder ein Highlight des Rahmenprogramms und nicht nur für Schreiber und Filmeschauer interessant. Die Stoffe waren durchweg spannend und umfangreich. Thematisch hätte es bisweilen etwas abwechslungsreicher sein können, aber dafür wurden auch schwere Themen interessant gepitcht. Glückwunsch an die Gewinner und bis zum nächsten Jahr 🙂

2 Kommentare

  1. Abwechslungsreicher hätte es doch gar nicht sein können!
    Nur, weil es zweimal zwei völlig unterschiedliche Konzepte mit Bezügen zum Nahen Osten vorgestellt wurden? Nicht mal das Genre war in diesem Fall das gleiche…

    1. Liebe Jana, vielen Dank für Deinen Kommentar! Du hast natürlich recht, mir ging es lediglich um die Auswahl von drei doch eher ernsteren Stoffen, wobei jeder in seiner Qualität natürlich begeistern konnte 🙂 Liebe Grüße, Sarah

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